Kann Liebe uns retten?

Was sind meine Bedürfnisse?

Wen und was liebe ich?

Was hat die Liebe für politisches Potential?

Können wir das Lieben lehrnen? 

Ist Liebe ein Gefühl?

Wie kann ich liebend handeln?

Ist Liebe unendlich? 

Ist Liebe das Gegenteil von Gewalt?

Ist Liebe eine Kraft?

Will ich überhaupt lieben?

Wenn Liebe heisst, mich selbst im Stich zu lassen, mein Leben komplett einem anderen Menschen zu widmen, dann will ich nicht lieben.

 

Doch ohne Liebe fühlt sich dann alles doch nicht so gut an, nicht so lebendig, eher wie eine Selbstverletzung, als eine Selbsthilfe.

 

Brauchen wir liebe?

Wir brauchen Nähe, Geborgenheit,Vertrautheit, ein Gegenüber, dem wir uns mitteilen und zumuten können. Doch das muss und kann nicht immer die selbe Person sein. Die meisten Menschen haben zu viele vielfältige Bedürfnisse, als das sie sich von einer Person befriedigen liessen, ohne dass diese sich selbst komplett verliert.

 

Polyamorie

 

Ein anderer Weg, als sich an eine Person exklusiv zu binden ist es mehrere Paarbeziehungen nebeneinander zu führen. Auch hier werden diese Beziehungen aber von Freund*innenschaften klar abgegrenzt und hoher als letztere gewertet. Ausserdem schwingen auch in mehreren Paarbeziehungen gewisse normierte Erwartungen mit. Beispielsweise wird von Menschen, die ihre Beziehung als Paarbeziehung labeln erwartet, dass sie Sex miteinander haben und dass sich die Partner*innen füreinander aufopfern. Dass ihnen die anderen Personen wichtiger sind, als sie sich selbst.

säubschttüschig - skilla

 

“Und wöui mir vrsprochä ha sichrheit i mir z fingä, 

fani när gd sofort ah, mi widr mau drzuä z zwingä,

los z la u nüt me z füälä u drum darfsch du mi iz nüm berüärä.”

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Eine befreiendere Form mit Beziehungen umzugehen, kann sein, keine Trennungen mehr zu machen, zwischen romantischen, sexuellen und freundschaftlichen(oder familiären) Beziehungen. 

Es geht dabei darum, Beziehungen nicht in einengende Kategorien zu zwängen, die gewisse Gefühle, Bedürfnisse und Handlungen implizieren. Statt eine oder mehrere Paarbeziehungen über alle anderen zu stellen und anders zu werten, können wir jede unserer Beziehungen als einzigartig sehen, für jede Beziehung neue Kontexte und Regeln schaffen. Mit jedem Gegenüber wird kommuniziert, welche Bedürfnisse beide an die Beziehung haben und wie zusammen umgegangen werden will. Wollen wir über unsere Beziehung reden, oder nicht? Wollen wir uns berühren, und wenn ja, wie? Wollen wir uns zur Begrüssung küssen? Wie oft wollen wir uns sehen? Erzählen wir uns, wie und ob wir andere Menschen treffen, oder ist das nicht wichtig? Wollen wir nur einander berühren? Es geht also auch zentral darum, herauszufinden, was die eigenen Bedürfnisse sind und diese auszudrücken. Im Idealfall wird ein Konsens gefunden und falls das nicht geht, trennen sich die Wege wahrscheinlich.

 

die-vielfalt-der-liebesbeziehungskonzept

Liebeslied,

skilla, heiwäg, 2017

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Marcus Steinweg aus der Publikation: Subjekt und Wahrheit, Berlin 2018

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Mit allen, so wie's passt

Nah_beziehungen

 

Statt die eigenen Beziehungen in die bereits bestehenden Kategorien zu zwängen, können sie auch anders geordnet werden. Ein Vorschlag ist der Begriff des sich Nah-Beziehens, welcher in Lann Hornscheidt’s “Zu Lieben, Lieben als politisches Handeln” beschrieben wird. Wer nach diesem Konzept lebt, teilt seine Beziehungen in „Nahbeziehungen“ und weniger nahe Beziehungen auf. Auf die Menschen, denen du dich am nächsten fühlst – egal auf welche Weise – beziehst du dich nah. Dass können beispielsweise die Personen sein, für welche dir die Gesellschaft Labels wie “Familie”,“Beste Freund*in” oder “Partner*in” aufdrängen will. Zwischen denen Menschen, auf die du dich nah beziehst, besteht keine Hierarchie – sie sind alle anders und wichtig. Welche Beziehung eine Nahbeziehung ist und welche nicht, kann sich ständig ändern, ist sehr fluid und transformativ. Es kann sich innerhalb von wenigen Tagen oder Stunden ändern, kann aber auch über Jahre gleich bleiben. Das Konzept der Nahbeziehungen hat vor allem zum Ziel, sich selbst eine Sicherheit zu geben, die unabhängig von herkömmlichen Labels ist. Wenn wir Klarheit haben, zu welchen Menschen wir gerade Nähe und Verbundenheit empfinden, brauchen wir dies vielleicht gar nicht anders zu benennen oder zu kategorisieren. Das Gefühl der Nähe gibt uns genügend Sicherheit. Sex, egal in welcher Form, wertet eine Beziehung nicht auf oder ab, macht diese nicht wichtiger, sondern ist einfach. Wir können mit Menschen, auf die wir uns nah beziehen, Sex haben – oder mit Menschen, auf die wir uns nicht nah beziehen, oder gar nicht. Lust auf Sex ist wie jede andere Lust – wir können sie an eine Einzelperson binden, müssen aber nicht. Der Begriff Liebe kann in Nahbeziehungen auch verwendet werden, muss aber weder mit Sex, noch mit irgendeiner anderen Handlung verbunden sein. Es geht viel mehr darum das Gegenüber in seiner Ganzheit zu schätzen, es nicht einengen zu wollen, sondern neugierig darauf zu sein, wie es sich wandelt und lebt.

Was willst du?

4 Mütter - 1 Kind,  Inna Barinberg

"Jemanden zu lieben bedeutet, einen Menschen darin zu bestärken, so zu sein, wie er ist, und dabei zu unterstützen, so zu werden, wie er sein möchte – mit all seinen Wünschen und Bedürfnissen."

 

Diese Liebe kann nicht nur für Nahbeziehungen empfunden werden, sondern für alle und alles. 

Wenn wir etwas schätzen, dankbar sind und neugierig darauf, wie es weitergeht. Wenn wir etwas an_nehmen, so wie es ist, aber es nicht kontrollieren wollen, sondern an der ständigen Entwicklung teilhaben und unterstützen wollen. In dieser liebenden Haltung können wir uns mit der Welt als Ganzes verbunden fühlen. Wir können dann alles in unsere eigene Freiheit mit einbeziehen, also nicht nur unsere eigene Freiheit, sondern die Befreiung von allen und allem anstreben.

„Lieben bedeutet loszulassen, gerade nicht festzuhalten an einer anderen Person, daran, wie sie ist, zu sein habe, wie sie sich mir gegenüber zu verhalten habe.“ -Lann Hornscheidt

Love connects everything

Ich liebe mich.

„Sich selbst zu lieben ist eine sich öffnende, sich mit allem Lebendigen verbindende, zutiefst soziale Lebensform.“

-Lann Hornscheidt

In der Liebe zu uns selbst werden wir handlungsfähig, da wir nicht mehr im Aussen nach Bestätigung suchen müssen, sondern in uns selbst Sicherheit finden können. Natürlich ist ein Mensch immer noch von anderen Menschen abhängig, denn Menschen brauchen Beziehungen. Diese können aber freier und gesünder gelebt werden, wenn Selbstsicherheit da ist.

„Vorstellung von Liebe als Objekt, Substanz, von Romantik und Sehnsucht auf andere geworfen aufzugeben und stattdessen sich langsam anzunähern an Lieben als ein eigenes Handeln, ganz unabhängig von dem, was andere machen oder nicht. Liebe als Haben zu verlassen - Liebe als Seinsform beginnen zu leben“ -Lann Hornscheidt

Diese Form von Liebe ist von politischer Relevanz, da wir, wenn wir uns mit unserer Mitwelt liebend verbinden, mitfühlen, wenn Wesen unterdrückt werden. Wir fühlen ihre Gefangenschaft und streben ihre Freiheit an. Die Befreiung der Gesellschaft ist also ein Ziel, dass durch das Lieben an Wichtigkeit gewinnt und welches zu politischer Handlung aufruft. 

„Zu lieben heisst auch zu lernen, eigene Privilegierungen mehr und mehr als Privilegierungen wahrzunehmen, die nur reflektiert in verantwortungsvolles Handeln über_setzt werden können.“ -Lann Hornscheidt

„Was würde es bedeuten, wenn ich nicht nur mit dem Kopf verstehe, wo und wie Ausbeutung funktioniert und mein Leben beeinflusst und ermöglicht, sondern wenn ich es auch fühlen würde, also mit dem Herzen anwesend wäre.“ 

-Lann Hornscheidt

Politische Relevanz der Liebesvorstellung

 

Wie im Abschnitt "Romantische Liebe" ausgeführt wurde, ist die idealisierte monogame Zweierbeziehung in vielerlei Hinsicht mit dem kapitalistischen System verbunden.

Die Liebe neu zu definieren und zu leben ist also bereits in sich als politische Handlung zu verstehen.

Wenn wir uns selbst lieben können und unser Glück nicht nur vom Aussen, sondern auch vom Innen ausgeht, stärken wir unsere Handlungsfähigkeit und machen uns vom Konsum unabhängiger. 

Wenn wir uns von Vorstellungen des Geben und Nehmens und dem damit verbundenen Leistungsdruck befreien, dann können wir unsere Beziehungen zwanglos und bedürfnisorientiert leben.

Wenn wir uns bewusst sind, dass wir auch ohne romantische Paarbeziehung glücklich sein können, brauchen wir nicht darauf hinzuarbeiten und scheinbar unterstützende Produkte zu kaufen, sondern können unsere momentanen Beziehungen in ihren Eigenarten wertschätzen lernen.

 

Interview von Lann Hornscheidt mit Die Zeit

 

Hornscheidt: (...) Wir glauben, es gibt ein natürliches Empfinden. Aber in einer konstruktivistischen Denkweise gibt es das nicht. Es ist spannend, darüber nachzudenken, was wir glauben, was Lieben ist. Welche Anteile davon vielleicht gesellschaftlich gewollt und konstruiert sind.

ZEIT Wissen: Wie liebt man denn konstruktivistisch?

Hornscheidt: In meinem Fall, indem ich mich immer wieder hinterfrage: Was ist mein Verhältnis zu anderen Personen, zu mir selber und zur Welt? Inwiefern ist mein Lieben an Bedingungen geknüpft, an ein Erwarten einer Norm oder Vorstellung, was andere machen sollen.

ZEIT Wissen: Können Sie solche tief verwurzelten Vorstellungen ändern?

Hornscheidt: Ich habe zum Beispiel in meiner Jugend gelernt: Selbstliebe und jegliche Form, an mir selber Interesse zu haben, ist Egoismus. Und Egoismus war das Schlimmste überhaupt. Dem nähere ich mich an, indem ich überlege, aus welchen kulturellen und religiösen Hintergründen heraus das so etwas Negatives gewesen ist – und was eine Form von gesundem Selbstlieben sein könnte. Ich denke ja, dass wir ganz viele Anteile von uns abgeschnitten haben, die wir uns selber geben können. Aber wir glauben stattdessen, dass andere die ersetzen sollen. Das ist eine kapitalistische Logik.

ZEIT Wissen: Warum kapitalistisch?

Hornscheidt: Die kapitalistische Logik ist Abhängigkeit und der Glaube, dass das, was gut ist, was uns uns fühlen lässt, von außen kommt. Wir wollen sogar den Wunsch nach Liebe abgeben. Doch wenn ich mit mir selber gut bin, muss ich nicht die ganze Zeit etwas von außen haben, Anerkennung, Preise, Wahrnehmung.

ZEIT Wissen: Was halten Sie von der Idee der Zweierbeziehung? Ein Auslaufmodell?

Hornscheidt: Sie ist auf jeden Fall ein großer kapitalistischer Markt. Das Modell Zweierbeziehung funktioniert immer wieder als ultimatives Glücksversprechen. Da sich das Glück aber auf Dauer nicht einstellt, entsteht ein Vakuum mit Unzufriedenheit und Gefühlen von Unzulänglichkeit. Dafür gibt es dann einen Markt mit Coaching, Ratgeberliteratur, Therapie, Spielfilmen, Liebesromanen und Diäten – um attraktiver zu werden, um dem Gefühl, nicht zu passen, zu begegnen. Um Defizitgefühle konsumierend zu kompensieren. Das ist wunderbar für kapitalistische Logiken: Die Norm einer glücklichen Zweierbeziehung ist unverbrüchlich, nur wir sind defizitär. Alles das hält Menschen unzufrieden und beschäftigt und bindet so Energien, die auch beispielsweise politisch genutzt werden könnten.

ZEIT Wissen: Was wäre die Lösung?

Hornscheidt: Nahbeziehungen zu anderen Menschen sind positiv, wenn wir lernen, unsere Erwartungen an Menschen loszulassen und nicht das Glück in anderen Personen zu suchen. Wenn wir unsere Bedürfnisse reflektieren und gegebenenfalls selber erfüllen, dann können wir uns gegenseitig freudvoll und auch unterstützend begleiten. Damit mache ich wunderschöne Lebenserfahrungen, die auch ganz deutlich Gender-Normen zu Paar-, Liebes- und Familienkonstellationen herausfordern.

Konstruktivismus und Liebe

Liebe kann auf unterschiedliche Weisen gelebt werden und durch unterschiedliche Konstrukte beschrieben. Welches Konstrukt die höchste Viabilität aufweist ist wohl sehr individuell. Es lässt sich aber vermuten, dass das Konstrukt der monogamen Zweierbeziehung in vielen Fällen nicht sehr nützlich ist. Denn dieses Konstrukt scheint viele Menschen einzuengen und von ihrer Erfüllung langfristig eher abzuhalten, als dazu zu führen. Dies wird auch anhand der gesellschaftlichen Relevanz von Ausdrücken wie "unglücklich verliebt", "Liebeskummer" und "Liebe tut weh" klar. 

 

Die Dekonstruktion der normierten Liebe ist also nicht nur aus politisch antikapitalistischer Sicht, sondern auch aus konstruktivistischer Sicht sehr sinnvoll.

Die Konstrukte des sich Nah_beziehens und der Beziehungs-anarchie bieten mögliche Alternativen. Sie gehen von einem positiven Liebesverständnis aus und auch davon, dass alle Menschen Bedürfnisse haben und alle Individuen frei entscheiden können, was sie mit wem tun und wie sie es definieren wollen.